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Wie reagiere ich, wenn mein Kind etwas tut, das ich nicht möchte?

Samira steht auf der Wickelkommode. Es ist Schlafenszeit, und der Pyjama soll angezogen werden. Plötzlich schnappt sie sich lachend die Brille ihrer Großmama und versucht, sie sich selbst aufzusetzen. Ist das wirklich lustig? Wie kann der Erwachsene bestmöglich reagieren, sodass beide mit dem Resultat zufrieden sind?


Der Erziehungsalltag konfrontiert uns immer wieder mit unvorhersehbaren Situationen, in denen wir rasch und gleichzeitig wohl überlegt reagieren sollen. Das ist oft gar nicht so einfach, denn keine Situation ist schwarz-weiß, und es gibt kein allgemeingültiges Rezept, das man anwenden könnte. Vielmehr ist jede Begegnung ein Aufeinandertreffen von möglicherweise völlig unterschiedlichen Bedürfnissen, Auffassungen, Prägungen aus der Vergangenheit und aktuellen Gefühlen.

 

Eines steht außer Frage: Der Erwachsene sollte über den Dingen stehen und die Kontrolle bewahren. Das widerspricht keineswegs der Haltung, das Kind als gleichwürdig zu achten. Vielmehr liegt es in der Natur der Sache, dass der Erwachsene über mehr Möglichkeiten, Kompetenzen und Ressourcen verfügt. Liebevolles Handeln bedeutet, diese Überlegenheit nicht eigennützig einzusetzen, sondern damit dem Unterlegenen zu dienen, in dem wir Orientierung geben und ein nachahmenswertes Vorbild bieten.


Rollen wir die Situation in Zeitlupe auf ...

 

1) Selbstwahrnehmung und -reflexion des Erwachsenen
Der Erwachsene prüft seine Gefühle: Macht mich das ärgerlich? Wenn ja – warum? Woher kommt dieser Ärger? Erinnert mich die Situation vielleicht an frühere, schmerzhafte Erlebnisse, in denen ich mich übergangen oder respektlos behandelt fühlte?
Falls dem so ist, kann ich mich fragen, ob ich diese Gefühle auf das Kind projiziere. Ich kann versuchen, die Vergangenheit loszulassen und mich auf den gegenwärtigen Moment zu konzentrieren.
Meine Weisheit sagt mir: „Wenn ich mit Ärger reagiere, wird nur weiterer Ärger entstehen.“

 

2) Wahrnehmung des Kindes
Welche Motivation könnte das Kind haben?
Langeweile, Neugierde, Spiellust? Sucht es nach Aufmerksamkeit und Nähe weil es mit mir in Beziehung sein möchte? Vielleicht hat es gespürt, dass ich in Gedanken abwesend war. Oder will es einfach wissen, wie ich reagiere? Versucht es auszuloten, ob ich eine eigene Meinung habe und weiß, was ich will?

 

Von guten Motiven ausgehen, statt Vorurteile zu schmieden
Grundsätzlich ist es immer hilfreich, wenn wir unserem Gegenüber gute Absichten unterstellen – unabhängig davon, ob es sich um Kinder oder Erwachsene handelt, die mir nahestehen oder unbekannt sein können. Wir kennen nie mit Sicherheit die Beweggründe anderer Menschen. Vorurteile beruhen auf Vermutungen, nicht auf Wissen.

Der dänische Familientherapeut Jesper Juul betonte, dass jedes Kind im Grunde kooperieren möchte. Deshalb sollten wir vor allem Kindern keine bösen Absichten unterstellen. Ein kleines Kind denkt nicht in Machtkategorien.

Vielleicht testet es dennoch spielerisch die Reaktion des Erwachsenen. Ein möglicher Grund dafür könnte sein, dass es sich vergewissern will, dass es sich auf dessen Vertrauenswürdigkeit und Stärke verlassen kann – wie auf einen Felsen in der Brandung.

Kinder sind lernende, experimentierende Wesen
Kleine Kinder wollen ihre Welt spielerisch erkunden – dabei unterscheiden sie nicht zwischen Spielsachen und anderen interessanten Gegenständen in ihrer Umgebung.
Wir können also durchaus davon ausgehen, dass die zweijährige Samira einfach mit der Brille spielen wollte – ganz ohne böse Absicht.

 

3) Einschätzung der Sachlage – Treffen einer Entscheidung
Eignet sich die Brille zum Spielen? Könnte sie beschädigt werden? Entfernt uns das zu sehr vom eigentlichen Ziel – dem Anziehen des Pyjamas? Es schadet womöglich gesunden Augen, durch optische Gläser zu blicken. Möchte ich meinem Kind zeigen, dass manche Dinge nicht zum Spielen geeignet sind? Oder dass ich es nicht in Ordnung finde, jemandem etwas wegzunehmen, ohne zu fragen?

Ganz gleich, wie der Erwachsene diese Fragen beantwortet – wenn er sich über seine Haltung im Klaren ist und sie für sich begründen kann, ist es seine Verantwortung, eine Entscheidung zu treffen und entsprechend zu handeln.

Angenommen, die Großmutter möchte nicht, dass Samira mit der Brille spielt, dann sollte sie klar und liebevoll einfordern, dass das Kind ihr die Brille zurückgibt. Das ist authentisch – und wichtig, um dem Kind Orientierung zu geben.

Bedeutet das, dass wir streng oder unfreundlich sein müssen? Nein – ganz und gar nicht!

 

Mit Ruhe und Freundlichkeit reagieren
Die Großmutter könnte in ruhigem Tonfall und mit einem gütigen Gesichtsausdruck sagen:
„Du hast meine Brille genommen. Ich möchte das nicht. Bitte gib sie mir zurück.“
Hilfreich ist es, diese Bitte durch eine unterstützende Geste – etwa eine ausgestreckte, offene Hand – zu begleiten.


Je klarer und gelassener wir sind, desto leichter fällt es dem Kind, zu kooperieren.

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